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Prinzipienrede vom 26. April 2003

"Versetzen wir uns für einen Moment zurück. Zurück in die Zeit der Entstehung der Unitas. Vielerlei Repressionen und auch handfeste Gewalt gegen Katholiken prägten den preussischen Kulturkampf im neunzehnten Jahrhundert.

Die ersten Unitarier widersetzten sich der Unterdrückung. Sie verstießen gegen das Vereinigungsverbot. Sie hielten an ihrem Glauben fest. Sie widmeten sich der Fort-entwicklung ihrer Wissenschaft, der Theologie. Sie wurde zum Anker und Konzentra-tionspunkt unitarischer Gemeinschaft in einer Öffentlichkeit, die freie Meinungsäuße-rung in jeder Form wenigstens den Katholiken verbot.

Nur vor diesem Hintergrund wird uns heute der Stellenwert der SCIENTIA bewußt. Sie zeichnete unseren Verband von Anfang an aus. Im Vergleich zu anderen katholi-schen Verbindungen war es nämlich gerade für die Unitas von zentraler Bedeutung, ihren Angehörigen einen tiefen Einblick in die unterschiedlichsten Wissensgebiete zu verschaffen. Die in dieser Form und Häufigkeit einzigartigen Wissenschaftlichen Sit-zungen ermöglichen den Zuhörern eine Erweiterung ihres Horizonts über die Gren-zen ihres eigenen Studiums. Dem Vortragenden dienen sie zum Erlernen und An-wenden von Redetechniken. Gemeinsam übt man sich in der akademischen Ausein-andersetzung über die dargelegten Standpunkte.

Das eigene Wissen wird dadurch erheblich vertieft. Der zweite Wegweiser der SCIENTIA. Sie hält uns dazu an, unsere universitäre Ausbildung zügig und erfolgreich zu betreiben.

Doch geschah dies schon damals nicht zum Selbstzweck des Einzelnen. Die unitari-sche Gemeinschaft, die nach dem Prinzip SCIENTIA entsteht, wirkt nach außen. Nur mit einem breiten Fundament ist eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit anderen möglich. Und nur so kann es dem Einzelnen gelingen, Gegenmeinungen auf den verschiedensten Gebieten zu widerlegen. Vielleicht schaffen wir es sogar, den Widerpart vom Richtigen zu überzeugen.

Nie war eine solche Befähigung wichtiger als heute. Es zählen Leistung und Durch-setzungsfähigkeit. Wem in dieser Umgebung Argumente ausgehen, hat das Nachse-hen. Nicht umsonst hat sich das inzwischen vielgesprochene Wort der Wissensge-sellschaft entwickelt. Es bezeichnet eine Ordnung, in der unser Land und wir ganz persönlich unseren Wert daran messen können, ob wir die richtige Auswahl von Wissen getroffen haben und ob wir klug damit umzugehen gelernt haben. Durch eine Ausrichtung des eigenen Studiums und der Freizeit an der unitarischen SCIENTIA können wir uns heute darauf vorbereiten.

Wissen ist Macht? Nein, die SCIENTIA greift deutlich weiter. Denn folgen wir ihr auch in unserem Glauben, gehen wir den Weg des delphischen "gnooti se auton" - "er-kenne dich selbst". Der Mensch als Gottes Geschöpf bedarf auch einer stetigen Er-weiterung und Vertiefung seines theologischen Wissens. Der Stärkung im Glauben durch ein Besinnen auf Gültiges.

Den Bundesbrüdern der ersten Stunde verhalf sie so zur Stärkung gegen protestan-tischen Missionsgeist. Uns kann sie in einer – hoffentlich von der Ökumene gepräg-ten – Zukunft helfen, neuzeitlichen Häretikern mutig entgegenzutreten. Vor allem aber werden wir durch eine Befolgung der SCIENTIA zu wertvollen Mitgliedern einer Gesellschaft, an deren weiterer Entwicklung wir unseren Anteil haben."

Marcus Dyba