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Prinzipienrede vom 2. November 2002
„Das wahre Denkmal eines Mannes ist seine Tugend.“
Dieses ägyptische Sprichwort ist auch eine Maxime für jeden Unitarier. Tugend, lateinisch virtus, ist neben scientia und amicitia eines unserer Prinzipien.
Die virtus erlegt dem Unitarier dabei die umfassendsten Verpflichtungen auf. Er soll ein Leben zu führen, das geprägt ist von Tugendhaftigkeit, Mannhaftigkeit und einem intensiven Einsatz für seine Mitmenschen. Was aber bedeutet das?
Mit unserem aktuellen Semesterprogramm folgen wir dabei vor allem der virtus im Sinne von Tugendhaftigkeit. Dort findet sich etwa ein Vortrag von Farbenbruder Konrad Ackermann über die Spätfolgen der Entchristianisierung oder das noch bevorstehende Vereinsfest der frei von der Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Tugendhaftigkeit bezeichnet also christliche, katholische Werte als Grundfesten für den unitarischen Lebensbund.
In diesem Lebensbund, wenigstens soweit es die Ratisbona betrifft, von Männern erwarten wir gegenseitig, daß der andere Bundesbruder ein mannhaftes Leben führt. Er soll „seinen Mann stehen“, indem er in der Kirche seinen Glauben lebt, seine Familie als gottgewolltes Geschenk begreift und er soll im Berufsleben Selbstverwirklichung finden, ohne zu einem schrankenlosen Egoisten zu werden.
In Letzterem liegt die größte Verpflichtung der virtus: in der Bindung des Unitariers an eine Lebensführung, die auch die Bedürfnisse und die Belange der Mitmenschen einbezieht.
Welchen Stellenwert aber besitzt dieser dritte Aspekt, der Einsatz für den Mitmenschen?
Zunächst bleibt festzuhalten, daß er sich auf vielfältigste Weise verwirklichen kann. In der Kirche etwa durch Mitgliedschaft im Pfarrgemeinderat. In der Politik etwa durch Gründung privater Initiativen oder durch Beteiligung in einer Partei. Man kann aber ganz ohne Öffentlichkeitswirksamkeit auch seine kranke Großmutter pflegen. So verwirklicht sich virtus durch das Aufwenden von Energie und Zeit für seine Mitmenschen.
Das ist leicht gesagt, aber oft gar nicht so einfach getan. Entsteht durch diese Anforderung nicht ein Konflikt zwischen den unitarischen Prinzipien? Etwa zwischen virtus und scientia?
Was für den Philister die eigene Arbeit sein soll, ist für den aktiven Unitarier hoffentlich das Studium: eine Berufung, in der er seine Ziele verwirklichen kann und der er gerne einen Großteil seiner Zeit opfert.
Dies birgt die Gefahr, daß aus dem Beruf schnell der einzige Lebensinhalt wird. Die virtus hält uns davon ab. Sie zeigt, daß der Einsatz für den Mitmenschen in seiner vielgestaltigen Form das Leben reicher machen kann. Das beweisen meine Beispiele: im Pfarrgemeinderat läßt sich Vieles bewegen für Jung und Alt in der eigenen Gemeinde. Erst die Teilnahme am politischen Leben läßt unser gesellschaftliches System funktionieren. Und wieviel Glück kann der dankbare Blick eines Menschen bereiten, dem man in einer Notlage hilft.
Jeder muß für sich selbst entscheiden, wie viel seiner Kraft er auf welche Aufgaben verteilt. Dem Unitarier sind seine Bundesbrüder dabei stets bereitwillige Ratgeber und Helfer. Die unitarische virtus aber treffen wir nicht an einem Scheideweg zwischen schwarz und weiß. Sie zeigt vielmehr auf, daß es mehr im Leben gibt als das eigene Fach. Daneben nämlich finden sich viele Schattierungen, viele bunte Farben. Die virtus weist den Weg, wie unser Leben reiche Erfüllung gewinnt, denn:
„Das wahre Denkmal eines Mannes ist seine Tugend.“
Marcus Dyba
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